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Про масслит

Очень хорошая статья Адриана Дауба
в Новой Цюрихской
про эпоху амазона, масслит,
"писательские" курсы, самиздат (в новом смысле этого слова) итд.


Unerfreuliches bitte vermeiden
WIE AMAZON DIE LITERATUR VERÄNDERT

von Adrian Daub / 13.01.2017

Amazon hat mittlerweile ein Gutteil des Buchhandels aufgeschluckt und sich auch als Verleger etabliert. Der Online-Gigant beeinflusst, was wir lesen – vielleicht auch bald schon, wie geschrieben wird.

Während seines scheinbar unaufhaltbaren Aufstiegs hat Silicon Valleys Genie darin bestanden, milliardenschwere Konzerne als Underdogs zu inszenieren: Uber sieht sich als David gegen den Goliath angeblich übermächtiger Taxifahrerverbände. Und Amazon.com trat einmal an, den verkrusteten Buchmarkt zu revolutionieren. Mittlerweile ist Amazon der Buchmarkt, zumindest in Amerika. Der Literaturwissenschafter Mark McGurl vertritt gar die These, dass nicht nur das Buch, sondern die Literatur im „Amazon-Zeitalter“ angekommen sei. Tatsächlich ist unübersehbar, dass Bücher dank einem Dienst wie Kindle Unlimited, der es dem Kunden erlaubt, für eine monatliche Gebühr jedes Buch zu lesen, anders funktionieren als früher. Aber McGurl sagt, dass Amazon das Verständnis von Literatur selbst und von ihren Zwecken verändern werde – in Richtung einer Amazon-Poetik.

Ein Ökosystem

Das hat etwas Paradoxes: Wir sind geneigt, in der Literatur ein Gegengewicht zum Dominanten zu sehen. Dickens‘ Romane mögen im Sog des Kommerzes entstanden sein, aber sie hielten diesem Kommerz einen unbarmherzigen Spiegel vor. Was aber geschieht, wenn eine der mächtigsten Firmen der Welt direkt entscheidet, was Literatur ist und was nicht? Amazon veröffentlicht selber Literatur – und beeinflusst mit seinen verschiedenen Kindle-Diensten, was wie als Literatur angeboten wird.

Selbst Romane, die nicht nur für das Ökosystem Amazon geschaffen sind, selbst solche, die mit künstlerischem Anspruch antreten, müssen sich mit dem Geist des neuen Zeitalters auseinandersetzen. Als Jarett Kobek seinen Roman „Ich hasse dieses Internet“ im Selbstverlag ins Netz stellte, vermarktete er ihn als „schlechten“, aber eben als „nützlichen“ Roman – „weil Männer nicht einfach so Romane lesen“. Das Buch ging mit dem Kommerz offen, geradezu offensiv um – wie auch mit der Online-Welt. Es wurde zum Bestseller, verkaufte sich auf Amazon prächtig, wurde in der „New York Times“ rezensiert. Die deutsche Fassung erschien im Herbst im altehrwürdigen S.-Fischer-Verlag.

Im Frühjahr wurde eine Novelle eines pseudonymen Dr. Chuck Tingle für den Hugo Award für die beste Science-Fiction-Kurzgeschichte nominiert. Der Titel: „Space Raptor Butt Invasion“. Tingle verkauft kurze Texte, fast ausschliesslich auf Amazon, wo seine „Tinglers“ mittlerweile Kult sind. Tingle fand selber, dass er nicht nominiert gehörte, und lieferte prompt einen Kommentar zu diesem Thema ab: „Slammed in the Butt By My Hugo Award Nomination.“ Nur einen Tag nachdem er nicht gewonnen hatte, erschien ein weiteres Werk, Sie erahnen den Titel.

Der ganze Eisberg

Als traditioneller Verlag ist Amazon ambitioniert, bleibt aber im Rahmen, mit über 1000 neuen Titeln pro Jahr. Kindle Direct Publishing jedoch sprengt diesen Rahmen absolut: Obwohl der Konzern die Zahlen nicht freigibt, gehen Experten von über einer Million Titeln aus. Dem müssen wir uns in unseren ästhetischen Urteilen nicht fügen. Aber Literatur existiert zu jeder Zeit im Dialog mit einer Unzahl kursierender Erzähltexte. Was wir heute bei Reclam kaufen, war einmal die Spitze eines enormen diskursiven Eisbergs. Was dessen mittlerweile unsichtbaren Teil ausmacht, hörte man früher auf Jahrmärkten, oder es wurde einem unter der Schulbank zugesteckt. Heute ist der Eisberg in Gänze auf Amazon zu besichtigen.

Inklusive der Spitze. Amazon wegen Chuck Tingle und Konsorten in die Schmuddelecke zu stellen, verfängt längst nicht mehr. Amazon betreibt fast ein Dutzend Imprints, die jährlich zusammen Hunderte Bücher veröffentlichen – viele von ihnen äusserst hochwertig. Aber die Revolution findet auch dort statt, wo Amazon die Mechanismen des traditionellen Verlagsmodells hinter sich gelassen hat. Kindle Direct Publishing gestattet es Autoren, ihre eigenen Werke hochzuladen, bei Kindle Worlds können sie „fanfic“-Geschichten veröffentlichen. „Kindle Singles“ sind kleine E-Books mit Essays oder Reportagen.

Mark McGurl hat in der 2011 erschienenen Studie „The Program Era. Postwar Fiction and the Rise of Creative Writing“ jene Periode analysiert, in der die vielen Schreibschulen und Writer’s Workshops Stil, Form und sogar Inhalt amerikanischer Literatur zutiefst beeinflusst haben. Heute sieht er diese Ära abgelöst vom „Age of Amazon“. Er meint, Amazon werde die Form von Literatur beeinflussen, wie die Universitäten das lange getan haben. Ein implizites Urteil über Schreiben und seinen Sinn schwang bei Amazons Angebot wohl von Anfang an mit.

Es spricht einiges dafür, dass McGurl recht hat. Charakteristisch für Silicon Valley ist, dass sich hier eine Institution aufführt, als sei sie gar keine. Amazon tut so, als seien die Kriterien, Kategorien und Werturteile, nach denen es operiert, selbstverständlich – anders als diejenigen, nach denen Literaturwissenschaft, Kritik und Verlagswesen funktionieren. Aber was wie die Kanalisierung von spontan hochkochendem Publikumsinteresse wirken soll, ist in Wahrheit gegängelt durch ziemlich klare ästhetische Urteile.

Auf dem Cover der dritten Auflage von „Ich hasse dieses Internet“ prangt zwischen Zitaten von grossen Zeitungen und Literaten auch die Goodreads-Rezension eines gewissen Mark. Das Buch sei „so komplett fürchterlich, dass es nicht die Zeit verdient, kritisch bedacht und rezensiert zu werden“. Kobek macht sich einen Spass daraus, einen Menschen, der behauptet, dass ein Buch nicht rezensiert werden kann, als Rezensenten einzusetzen. Aber er will auch die Undifferenziertheit, mit der Amazon (dem Goodreads gehört) Mark und die „New York Times“ als gleichermassen befähigt ansieht, einen Roman kritisch zu beleuchten, ad absurdum führen.

Das Publikum hat immer recht

In gewisser Weise hat das Writing-Program hier Vorarbeit geleistet: Genauso wie Kindle Direct Publishing war die Literatur, die aus den Schreibkursen kam, populär ausgerichtet. Beide vertrauen auf den gesunden Geschmack des Publikums. Beide gehen davon aus, dass in jedem ein Schriftsteller schlummert, frönen dem Handwerk mehr denn dem Geniekult. Das Schreibseminar, in dem Kollegen als Erstleser fungieren, produziert tendenziell klar durchschaubare Prosa mit nachvollziehbarer Psychologie. Wenn Amazon von seinen Self-Publishers in seinem „Guide to Kindle Content Quality“ verlangt, diese sollten „content“ vermeiden, der eine „unerfreuliche Leseerfahrung“ zur Folge habe, stellt es ähnliche Ansprüche.

Die Schreibprogramme waren ihrem Anspruch nach pädagogisch, und auch Amazon will seinen Autoren das „richtige“ Schreiben beibringen. Allerdings dominiert bei Amazon nicht das Gebot der Authentizität („write what you know“), sondern dasjenige des Customer-Service: Schreib so, dass du in einer schier unermesslichen Masse von Angeboten wahrgenommen wirst.

Denn sosehr sich zum Beispiel Little A, das hauseigene Belletristik-Imprint, um Selektivität bemüht, drängt doch die Masse auf der Plattform naturgemäss in den Vordergrund. Auf Amazon.com fällt der Diskurs immer durch Übermass auf: der User, der angeblich hunderttausend „Bücher“ bei Amazon veröffentlicht hat, die Frau, die 31 000 Bücher rezensiert hat, die zigtausend vom Mob erstellten und zum Teil genialen Bewertungen eines Bananenschneiders, eines Gleitcrèmefasses, eines Donald-Trump-Christbaumschmucks.

Amazon-Autoren, die jenseits der Marketingmacht der Verlage Geld verdienen wollen, müssen ihrer Marke fast sklavisch treu bleiben – das gilt für Chuck Tingles Sex-Dinosaurier ebenso wie für literarische Werke wie Kobeks Roman. Dessen Titel, das gibt der Autor offen zu, war bewusst provokant gewählt, um in der Masse aufzufallen. Werke, die im Self-Publishing reüssieren, können sich keine Lücke zwischen Lesererwartung und tatsächlichem Produkt leisten.

Literarischer Customer-Service läuft im Amazon-Zeitalter vornehmlich über das Genre: Kindle Direct Publishing verkauft vor allem „Genre“-Literatur (Science-Fiction, Fantasy, Krimi usw.), aber es arbeitet einerseits mit unglaublich feinmaschigen Genre-Kategorien, und es erlaubt andererseits den Autoren, diese selbst zu definieren. Dadurch soll der Leser genau das bekommen, was er von dem Produkt erwartet. Die Leserbewertungen verschaffen dem Nachdruck: Kindle Direct Publishing will vor allem Enttäuschungen vorbeugen, Packung und Produkt müssen übereinstimmen.

Aber das Interessante ist, dass dabei kein Einheitsbrei herauskommt. Chuck Tingle kommuniziert gerne, allerdings nur schriftlich, mit seinen Fans, die er „Buckaroos“ nennt. Eine E-Mail von ihm ist ein unvergleichliches Leseerlebnis, eine wilde, warme Mixtur von stream of consciousness, Hippie-Philosophie und Porno-Sprache. Obwohl nie klar ist, was Tingle ernst meint und was nicht, kehrt er gerne die Sprache der Schreibschulen gegen sich selber: Von einem Poeten des Triceratopssex zu hören „I write what I know“, ist schon beinahe Performance-Kunst.

Aber auch die Form verändert sich auf Amazon: Die feinmaschigen Genre-Kategorien, die immense Konkurrenz forcieren ein ganz neues Spiel mit Konvention und Innovation. Autoren, die immer enger definierte Genres bedienen und ihren Lesern den ganz bestimmten Kick versprechen, stehen auf der einen, das wilde Spiel mit der Form steht auf der anderen Seite.

Chuck Tingle sagt, sein „Tingleverse“ kenne keine lineare Zeit und müsse demzufolge auch nicht linear konsumiert werden: eine offene Parodie auf die in Fantasy und Science-Fiction so beliebten detaillierten Mythologien. In solchen Momenten blitzt auf Amazon keine blosse Kopie traditioneller Literaturmodi auf, sondern eben jener Gegenentwurf zum Zeitgeist, für den wir Beckett verehren.

Tyrannei des guten Geschmacks

Kobeks Buch, so verrät der Autor, hatte einmal einen traditionellen, wenn auch kleinen Verlag. „Aber am Schluss des Lektorats dort stand eine anämische, geschmacksneutrale Version des Buches“, und Kobek beschloss, den Roman im Selbstverlag zu veröffentlichen. In den amerikanischen Verlagen, so Kobek, regiert die Tyrannei des guten Geschmacks, dieser wollte er nicht die Kanten seines Romans opfern.

Wie steht es also um die Literatur im „Amazon-Zeitalter“? Die Regeln verändern sich, die Kategorien gleich mit. Aber das nur mit Pessimismus zu quittieren, griffe zu kurz: Wir lesen mehr, wir lesen verschiedener, und man kann im Amazon-Zeitalter nicht einfach so weiterschreiben wie bisher. Viel Gutes wird dem Umbruch leider zum Opfer fallen, aber schlechte Gewohnheiten und falsche Pietät ebenso.

Adrian Daub ist Professor für Literaturwissenschaften an der Stanford University.

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Irene Souschek

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Елена Хуторная


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